Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind (Kohelet/Prediger 4,6) – Monatsspruch September
Im Vers davor heißt es: „Der Tor legt seine Hände zusammen und zehrt vom eigenen
Fleisch“, das soll heißen: der Tor lebt vom Ererbten oder Ersparten, obwohl er arbei-
ten könnte, also: Faulheit ist ein Zeichen von Anmaßung und Dummheit. Würde zwi-
schen diesen Versen ein Doppelpunkt stehen, dann wäre unser Vers das Lebensmot-
to des faulen Toren: „Genieße das Nichtarbeiten, Arbeit ist sowieso sinnlos.“
Als Ausspruch des Toren wäre der Vers dann nicht etwa eine Lebensweisheit, son-
dern eine Lebenstorheit und damit ungeeignet als Monatsspruch. Die meisten Exe-
geten weisen diese Deutung aus gutem Grund zurück. Es steht dort ja nicht, dass
man beide Hände ruhen lassen soll, sondern nur die eine. Gewarnt wird nicht vor
Arbeit, sondern davor, immer beide Hände voll Arbeit zu haben und damit nicht zur
Ruhe zu kommen. Wo Arbeit und Erwerbstätigkeit nicht mehr dem Zweck eines ver-
antwortungsvollen und gottesfürchtigen Lebens gelten, sondern zum Selbstzweck
werden, sind sie so sinnlos wie der Versuch, den Wind mit bloßen Händen einzufan-
gen. Also doch eine Lebensweisheit.
Das Buch Kohelet (Prediger) wird zusammen mit den Büchern Hiob und Sprüche und
den Psalmen als Weisheitsliteratur bezeichnet. Die Texte sind literarisch schön, aber
ihr Wert für den Glaubenden ist manchmal begrenzt. So bin ich etwas enttäuscht,
wenn ich in einem Bibeltext nur allgemeine und altbekannte Lebensweisheiten ent-
decken kann. Mich sprechen deshalb auch Radioandachten nicht an, bei denen nur
solche allgemeine Weisheiten vorgetragen werden, die zwar einleuchtend und wahr,
aber eben auch banal sind. Ich lese die Bibel nicht, um Dinge zu erfahren, auf die
man durch vernünftiges Nachdenken auch selbst käme. Mich leitet vielmehr die Er-
wartung, durch die Worte des alten heiligen Textes dem lebendigen Gott zu begeg-
nen, der so nah ist und so schwer zu fassen. Die Bibel ist voll von Sprichwörtern und
klugen Beobachtungen, die treffend, oft sogar witzig formuliert allgemein Mensch-
liches auf den Punkt bringen. Das ist zunächst erstaunlich. In den vielen Jahrhunder-
ten, seit der Abfassung dieser Texte, hat sich die Welt völlig verändert und mit ihr die Menschen mit ihren Wahrnehmungen und Verhalten, mit ihrem Bewusstsein und
ihrer körperlichen Befindlichkeit. Die Menschen der biblischen Zeit fürchteten sich
vor Dingen, die wir nicht mehr fürchten. Ihnen waren Dinge wichtig, die für uns nicht
mehr erstrebenswert sind, sie achteten manches gering, was für uns von größtem
Wert ist. Sie ahnten nichts von den Ängsten und Möglichkeiten, die die Menschen
heute haben. Dennoch treffen uns Worte aus den Weisheitsschriften des Alten Tes-
taments. Kohelet predigt nicht das Evangelium, er verkündigt keine göttlichen Ver-
heißungen und bietet keinen Trost für die Angefochtenen. Vielmehr führt er uns die
Vergänglichkeit und Begrenztheit des menschlichen Lebens und Tuns schroff vor Au-
gen. Man könnte ihn als Bußprediger bezeichnen, nicht, dass er die Sünde anpran-
gert, sondern weil er uns abverlangt, uns der Frage nach dem Sinn des Lebens zu
stellen, innezuhalten, zur Besinnung zu kommen und umzudenken. Wenn eine Le-
bensweisheit oder Andacht das bewirken kann, dann ist sie Gold wert.
Euer Lokalpastor Dr. H. Belke
